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Fischzug

Der Fischzug von Dietldorf

“Also, na pack ma's wieda Manna!” fordert der Präsident der Dietldorfer Faschingsgesellschaft, dem Anlaß entsprechend von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, die trauernde Männerwelt am Aschermittwoch bei Einbruch der Dunkelheit auf, sich vom Wirtaus dem Fischzug anzuschließen.

Ab 16.00 Uhr etwa haben sich die Mannsbilder beim „Weiß" eingefunden, um beim Abschlußzeremoniell des Dietldorfer Faschingstreibens dabeizusein. Sie sind damit der Einladung der „Leichosocher" gefolgt, die schon am Rosenmontag von Haushalt zu Haushalt, von Behörde zu Behörde gezogen sind, um das Geldbeutelverbrennen publik zu machen. Gstand'ne und geeichte Naturen müssen diese Burschen schon sein, um all die gutgemeinten Bewirtungen nicht abschlagen zu müssen. Ja, und da treffen sie nun ein, die Dietldorfer Männer, um beim Schlußakkord des Faschingstreibens den Ton mit anzugeben: den schwarzen Zylinder auf, eine schwarze Jacke, die Traditionsbewußteren einen „Gehsthintere" über der schwarzen Hose, schwarze Socken und schwarze Schuhe an den Füßen. Fischlmaler
Dienstbeflissen haben am Stammtisch beim „Weiß Michl" bereits die Zeremoniare Platz genommen: der Präsident, ein Zeremonienmeister, der Kassier, der Fischerlmaler, der Brotträger, die Fischträger, die Geldbeutelträger, der Laternenträger.

„Schau, daßt herkummst, und lou da dein Fisch afemal'n!" wird der Neuankömmling aufgefordert, seinen Obolus zu entrichten (Mitwirkende beim Faschingszug zahlen 5,- DM; die anderen 7,- DM), um dann als Teilnehmer mit einem Fisch gekennzeichnet zu werden, den der Fischerlmaler mit weißer Kreide auf den Rücken des Fracks des Teilnehmers zeichnet. So jetzt kann nichts mehr schief gehen, denn alles andere läuft nach festen ungeschriebenen Regeln ab:
Dem Umstand und dem Fasttag entsprechend holt man sich Kraft für die weiteren Stunden bei einer Scheibe frischen Bauernbrots und einem Bismarck- oder Brathering, eine Fastenmahlzeit, für die man 3,-DM zu entrichten hat. Nur „de G'schnoblten" holen sich bei der „Wirts Res" einen Teller, der Traditionsbewußtere begnügt sich mit den bloßen Händen. Das Bier ist kostenlos, zahlt doch heute der Wirt und der Faschingsverein die Rechnung.

Ca. 30, manchmal 40 Mannsbilder sind es schon, die so gestärkt, den Fischzug beginnen; der eine oder andere Nachkömmling reiht sich später unauffällig ein.Das Reglement verlangt, daß nach dem Verlassen des Wirtshauses keiner mehr einen Laut, egal welchen, von sich geben darf, sonst hagelt es ein Strafgeld in Höhe von 5,-DM.  StartDen Zug führen die 2 Geldbeutelträger an. Über einer ca. 2,5m langen Stange hängt das Überbleibsl der Faschingstage und auch eine Laterne. Ihnen folgen in nicht vorgeschriebener Reihenfolge die Brot- und Fischträger und der Kassier; dann reiht sich das trauernde Männervolk ein; den Abschluß bildet (aus Sicherheitsgründen) ein Laternenträger.

Ziel des Marsches ist die erste Station, das Feuerwehrhaus. Dabei sucht man nicht den kürzesten Weg, sondern wählt bewußt einen Umweg, stets darauf bedacht, ja alle Ecken „auszugehen". Erst bei der Ankunft an der ersten Station darf beim Übertreten der Hausschwelle das Schweigegebot aufgehoben  Start1werden, was mit verständlichem Gejohle kundgetan wird. Der Aufenthalt dauert ca. 1 Stunde: Man läßt im Gespräch nochmals den Fasching revue passieren und hält sich streng an die Fastenspeis, nicht vergessend, daß die Mönche ja den Bierkonsum in früherer Zeit zum Fastengetränk dazugezählt haben.

„Die Feuerwehr hot a 20 Maß zohlt. Danksche song ma eana. Also na trinkt's enk wieda zam! Pack mas wieda!" Das Signal zur nächsten Station, dem Geldbeutelverbrennen ist gegeben. Nach den bekannten Regeln bewegt sich der gespenstische Schweigemarsch im Schutz der Dunkelheit durch das obere Dorf, begleitet von manch neckischen Bemerkungen der weiblichen Wesen vor ihren Haustüren :„Wos habt's heut wieda? Warum sagts überhaupt nix? Seids doch sonst niat so stat! Mei, schaugt der... wieda blöd!"

Aber alle Neckereien sind umsonst; man ist sich des Ernstes bewußt und läßt sich nicht provozieren. Über die Brücke führt der Weg vom oberen Dorf zum Bauernplatz, wo schon die Vorbereitung für dFeueras Verbrennungsritual getroffen sind: ein Bündel Stroh wartet auf seine weitere Bestimmung Der Zeremoniar eröffnet das eigentliche Trauer- und Verbrennungsritual mit einer Ansprache an die anwesenden Trauergäste, und stellt die Verdienste von Freund Geldbeutel während des Faschings, aber auch während des ganzen Jahres heraus, beklagt seinen Leidensweg der letzten Tage und schließlich das jähe Ende. Jede erwähnte Station des Leidensweges wird von lautem Wehklagen und Heulen unterbrochen; große Schneuztücher trocknen die Tränen der gerührten Männerwelt. (Vgl. Leichenrede!) Nicht selten entfährt manchem Fischzügler ein derber Fluch auf Freund Geldbeutel: „Sauhund dreckada, host mi ganz sehe im Stich lass'n die letzt'n Tog!" Verein um Verein wird erwähnt, der um Freund Geldbeutel trauert, bevor das ca. 20 minütige Ritual mit der Verbrennung des Geldbeutels im flammenden Strohfeuer sein Ende findet. Betroffen starren die Dietldorfer Mannsbilder in die verglimmende Glut und wenden sich der 3. Station zu.

Jetzt kommt der eigentliche Leichtrunk im Wirtshaus beim „Wilden Ossi". Nur 5 Wegminuten trennen die AlteTrauergemeinde von dieser letzten Station, wo man bei Fisch, frischem Bauernbrot und Bier das Ende des Dietldorfer Faschings besiegelt. Um ca. 22.00 Uhr gibt der Präsident bekannt, daß auch der Khattl ihre Maß'n spendiert hat: „Khattl, mia danka dir recht sche! Manna kummt's guat hoam und machts a im nächst'n Jahr wieda so mit wia heia."

 

 

Wo liegen die Wurzeln dieses Brauches? Was bedeutet er?

Als Fischzügler hat mich diese Frage schon immer interessiert, und mich hat bei der Aufarbeitung des Themas erstaunt, wie viele Volkskundeforscher diesem Fastnachtsbrauch nachgegangen sind. Eine umfassende Auseinandersetzung in der Volkskundeliteratur dokumentiert das Folgende Einzelelemente heidnischen und christlichen Brauchtums finden sich in diesem Dietldorfer Aschermittwochbrauchtum.

Heidnische Wurzeln:

Wenngleich eine sichere Beurteilung der Wurzeln und eine schriftliche Ursprungsdokumentation nicht möglich ist, so gehen Volkskundeforscher bis auf den Dyonisoskult der Griechen und den Saturnkult der Römer zurück, mit denen bei Umzügen und Festen der Winter vertrieben und der Sommer herbeigesehnt wurde. Ausdruck dieser Sehnsucht, der zugleich ein Fruchtbarkeitskult unterstellt wurde, war vielfach das Verbrennen einer Strohpuppe.

Heidnischen Ursprung hat sicher auch das “Ausgehen“ der Ecken und Winkel beim Fischzug im Dorf. Böse Geister wurden damit im Schutz der Dunkelheit beschworen. Verbrennungsrituale haben etwas Magisches, Faszinierendes an sich; letztlich auch etwas Reinigendes. Das zeigt sich z.B. bei bekannten Schaubräuchen des Faschingsverbrennens im Alpenraum. In Vintschgau z.B. gibt es das „Holepfannfeuer" (Hailafona = heilsames Feuer), bei dem am Faschingsende eine „Larmstange" (Lärmstange) verbrannt wird. Todes-, Trauer-, Bestattungsrituale am Ende des Faschings werden von Volkskundlern als Relikte heidnischer Bräuche interpretiert, welche symbolisch für das Ende des Winters

und den Beginn neuen Lebens im Sommer stehen. So gesehen reiht sich der Dietldorfer Fischzug ein in eine Fülle ähnlicher Bräuche in Bayern oder in angrenzenden Ländern: das Brieftaschenwaschen, das Faschingsverbrennen, das Faschingseingraben, Trauermärsche sogar mit Trauermusik.

Unter diese heidnischen Symbole mischen sich wie bei vielen Bräuchen seitdem Mittelalter mit der Missionarisierung christliche Ansätze.

Der schwarze Anzug, die Anlehnung an das christliche Beerdigungsritual, mancherorts (nicht in Dietldorf!) eine Persiflage auf das Vaterunser bei der Leichenrede haben ihre Wurzeln im Christentum. Vom christlichen Denken rühren auch der Fisch und das Brot her, die ja am Beginn der Fastenzeit den Christen zu essen erlaubt sind. Ein ähnlicher Brauch existiert z.B. in Stockach mit der „Fasnetbeweinung", wo mit einem Salzhering an der Angelrute das Ende des Faschings beweint wird.
Christlichen Ansatz scheint m.E. auch das Schweigegebot zu haben, das den Fischzügler zum Nachdenken, ja fast zum Meditieren zwingt.

Beurteilung

Dass dieser Faschingsbrauch des Fischzugs nicht ganz umstritten ist, zeigt Kritik und Ablehnung, die das Ganze als sinnloses Getue bisweilen als billige „Sauferei“ abstempeln; Was zum Beginn der Fastenzeit keinen Platz hat. Besonders bei der Kirche stoßen Texte und Rituale, die als Verunglimpfung des christlichen Beerdigungsritual interpretiert werden, auf Ablehnung. Dietldorf darf mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bemühte, von derartigen Texten wegzukommen, um einer solchen Kritik vorzubeugen.

Die Bedeutung derartigen Brauchtums darf, wie es das Uhland-lnstitut in der „Narrenfreiheit" von 1986 beurteilt, so gesehen werden." Es ist ein letztes Exil der Heiterkeit vor dem alles erdrückenden Ernst moderner gesellschaftlicher Wirklichkeit."

A. Weiß

Leichenrede

beim Geldbeutelverbrennen der Dietldorfer am Aschermittwoch

Liebe Trauergemeinde

Wir haben aufgehört, fröhlich zu sein; denn traurig ist dieser Tag für uns. Der Tod hat Einzug gehalten und einen treuen Freund von uns genommen. Laut trauern wir um ihn.

Wir weinen und jammern: ...

Ja unser Freund Geldbeutel ist nicht mehr. Jeder, der ihn kannte, wußte, dass das Ende bald kommen musste. Allzu schwach war er in den letzten Tagen darniedergelegen; die Schwindsucht hat an ihm gezehrt; sie hat ihn ausgemergelt. Geschwächt bis aufs Gerippe haben wir ihn leiden sehen, bis ihm der gestrige Tag vollends den Todesstoß versetzte. Ja, der gestrige Tag hat ihm den letzten Blutstropfen geraubt. Wie strahlte unser Freund Geldbeutel noch vor Wochen prall vor Lebensfreude! Sein ganzes Ansehen ist jetzt dahin. Laut weinen wir um ihn.

Wir weinen und jammern:...

Unser Kamerad und treuer Geselle hat es verdient, dass wir kurz Rückblick auf sein bewegtes Leben halten. Alle Höhen und Tiefen unserer Zeit hat er mitgemacht; geteilt hat er mit uns Freud und Leid. Hilfsbereit war er gegenüber jedem, der ihn brauchte.

Laut weinen wir um ihn.

Wir weinen und jammern:...

In keinem Verein unseres Dorfes hat er gefehlt. Bei allen Versammlungen war er dabei.

Es jammert um ihn die Feuerwehr - Wir weinen und jammern.

Es jammert um ihn der Kriegerverein - Wir weinen und jammern.

Es jammert um ihn der Gartenbauverein - Wir weinen und jammern.

Es jammert um ihn der Stammtisch - Wir weinen und jammern.

Es jammert um ihn der Mütterverein - Wir weinen und jammern.

Es jammert um ihn die Blaskapelle - Wir weinen und jammern.

Es jammert um ihn der MC-Grafenberg - Wir weinen und jammern.

So weinen wir alle um unseres treuen Freund Geldbeutel, der uns selten, nur ganz selten einmal im Stich gelassen hat.

Sein Ende haben wir kommen sehen. Jede ärztliche Hilfe kam zu spät. Nicht einmal die Wissenschaftler konnten unseren Freund mit Konjunkturspritzen wieder auf die Beine stellen. Magerer und magerer ist er geworden in den letzten Wochen. Gestern um 24.00 Uhr war es dann so weit, dass er total ausgemergelt und verbraucht sein Leben ausgehaucht hat.

Wir weinen und jammern:...

So schreiten wir nun zum traurigen Ende und übergeben unseren Freund Geldbeutel den Flammen. Fest glauben wir daran, dass er geläutert wieder einmal zu uns zurückkehrt. Unsere Tränen begleiten ihn. So scheide von uns, denn nur mehr eine abgemagerte Hülle bist du, ohne jegliches Leben.

(Geldbeutel wird ins Feuer geworfen)

Noch einmal bricht in uns der ganze Schmerz auf, und wir jammern. ...

Aufrichtig haben wir nun am Heimgang unseres Freundes teilgenommen. Wir verabschieden uns jetzt von der Stätte unseres Kameraden, um seiner beim Ossi zu gedenken.

A. Weiß

Anmerkungen in Stichpunkten

Ursprung: 1952/53 im Zusammenhang mit dem Ursprung des Faschingszugs

Fischverzehr: 6 große Dosen Bratheringe

4 kleine Eimer Bismarckheringe

Bierkonsum: 60-70 Liter

Leiter: Faschingsgesellschaft Dietldorf

Zeremoniar: Pritschet Rainer

Kassier: Pritschet Christian

Brotträger: Schönfeld Helmut

Fischträger: unterschiedlich

Fischerlmaler: Pritschet Rainer

Laternenträger: unterschiedlich